Herzlich willkommen, FC Prishtina/Kosova!

VÖLKERVERBINDENDER FUSSBALL / Am Samstag treten kosova-albanische Fussballer in Thun für 90 Minuten aus ihrer sportlichen und politischen Isolation.

Urs Frieden

Auf dem Flughafen Kloten landen heute die Spieler und Funktionäre des FC Prishtina aus Kosova. Auf Einladung des FC Thun, des Freundschaftsvereins Schweiz-Kosova und der Aktion "Gemeinsam gegen Rassismus" treten sie am kommenden Pfingstsamstag in Thun zu einem Freundschaftsspiel gegen den B-Ligisten an. Selten zuvor war das Zustandekommen eines Spiels wichtiger als das Schlussresultat.

Denn der Auftritt des FC Prishtina im Thuner Lachenstadion ist seit Jahren das erste internationale Freundschaftsspiel dieser Mannschaft. Das hat politische Gründe: In Kosova gibt es keine offizielle Landesmeisterschaft, die von UEFA oder FIFA anerkannt wäre, und Prishtina kann deshalb an internationalen Wettbewerben nicht teilnehmen. Die von der serbischen Zentralregierung unterdrückte Provinz Kosova bildet auch in der Logik der Fussballverbände keinen eigenen Staat, obwohl die fast zwei Millionen EinwohnerInnen zu 90% albanischer Abstammung sind.

In den 80er-Jahren sah das noch anders aus: Kosova war faktisch Teil-Republik, und der FC Prishtina (gegründet 1922) spielte in der obersten Liga des damaligen Jugoslawien gegen bekannte Mannschaften wie Hajduk Split oder Roter Stern Belgrad. Diese Top-Teams taten sich im Prishtina-Stadion vor jeweils über 30'000 begeistert mitgehenden Zuschauern regelmässig schwer.

Von den etwa 150’000 Kosova-AlbanerInnen, die momentan in der Schweiz leben, können sich viele an diese Spiele erinnern - auch Islam Ramadani, der heute als Präsident des "FC Prishtina Bern" den fighting spirit der damaligen Tage in der bernischen dritten Liga ein wenig aufleben lassen will. "Früher sind wir finanziell durch den FC Prishtina Kosova unterstützt worden, heute ist es gerade umgekehrt," sagt Ramadani.

1991, nachdem Serbenführer Milosevic der Provinz Kosova die Autonomie entzog, gründeten die kosova-albanischen Fussballer eine eigene Liga, in der Hoffnung, mit dem Aufbau eines Parallelstaates (eigene politische Behörden, eigenes Gesundheits- und Erziehungswesen) bald einmal international als Staat anerkannt zu werden. Das Gegenteil ist eingetreten: Heute ist die kosova-albanische Bevölkerung täglich Opfer der serbischen Repressionspolitik. Kosova ist Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen, und die internationale Vermittlung tut sich äusserst schwer - auch wenn jetzt erstmals direkte Gespräche zwischen den Hauptexponenten in Gang kommen.

Die Fussballer des FC Prishtina bekommen die politische Entwicklung auch bei der Ausübung ihres Hobbys zu spüren: Seit 1991 ist ihnen der Zutritt ins eigene Stadion, wo früher Spiele und Trainings stattfanden, verwehrt. Im "Prishtina-Stadion", für die Kosova-AlbanerInnen das Nationalstadion schlechthin, spielt jetzt eine Mannschaft der serbischen Minderheit, mit sportlichem Erfolg zwar, aber mit wenig Publikumszuspruch.

Die inoffizielle Kosova-Meisterschaft, die durch den FC Prishtina gegen acht Mannschaften aus der ganzen Provinz regelmässig gewonnen wird, findet auf rasenlosen Nebenplätzen statt, falls sie - wie gerade jetzt - nicht ohnehin unterbrochen ist. Rein fussballerisch gesehen würde das - auf die hiesigen Verhältnisse übertragen - bedeuten: Die YB-Cracks haben Wankdorf-Verbot und spielen deshalb bei Wind und Wetter unter Ausschluss einer grösseren Öffentlichkeit auf der Allmend: Umziehen im Auto, dann muss Beno Pulver sein Tor selber aufstellen, und Admir Smajic zieht nicht nur die Fäden im Mittelfeld, sondern auch gleich die Seitenlinien aus Kalk.

Edi Strub, Redaktor bei SF DRS ("Tagesschau"), besuchte vor kurzem den FC Prishtina:"Einfach unglaublich. Das grosse Stadion ist gesperrt, und das Spiel musste völlig improvisiert auf einem steinharten, gefährlichen Hartplatz abgehalten werden." Die Spieler hätten ihm überdies erzählt, dass sie auch schon vom Spiel weg zu Verhören geführt worden seien und dass sie einmal einen Match auf drei verschiedenen Plätzen spielen mussten, weil sie wie Schulbuben immer wieder verjagt worden seien.

Am nächsten Samstag ist nun also zum ersten Mal seit Jahren wieder Rasen angesagt. Die Initiative zum Thun-Spiel ging bereits letzten Herbst vom "Freundschaftsverein Schweiz-Kosova" aus, nachdem in einer Beizenrunde die Idee aufgetaucht war (siehe HAUPTSTADT vom 22. 4. 98). Der reformierte Pfarrer Jacob Schädelin, Mitglied des Freundschaftsvereins, schrieb dem FC Thun einen netten Brief, und der Oberländer Vorzeigeverein setzte die Begegnung Thun-Prishtina umgehend in sein Programm zur 100-Jahr-Feier. Dass die Thuner keine Berührungsängste zu Kosova hegen, liegt auf der Hand: Vier Spieler der ersten Mannschaft stammen aus dieser Region (Stürmer Muharem Sahiti spielte zuvor sogar beim FC Prishtina), ebenso der Thuner Gastronom Hysni Jemini, der den FC Thun (und jetzt auch den einwöchigen Aufenthalt des FC Prishtina) sponsern hilft. Dazu gesellt sich eine initiative, aufgeschlossene Vereinsführung unter FDP-Gemeinderat Melchior Buchs und Gärtnermeister Hansjürg Baumann. Auch der Trainer machte von Beginn an begeistert mit: Andy Egli, ehemals 76facher Internationaler und Gründer der vor kurzem eingegangenen Fussballgewerkschaft "Profoot". "Die Mannschaft reagierte äusserst positiv auf das Freundschaftsspiel gegen den FC Prishtina, und auch für die Bevölkerung im manchenorts stockkonservativen Berner Oberland ist das eine gute Sache," meint Egli.

Das Spiel vom kommenden Samstag (genaue Daten siehe Kasten) wird durch ein Patronatskomitee von 40 Prominenten aus Politik, Kirche, Sport und Kultur, darunter die RegierungsrätInnen Elisabeth Zölch, Dori Schaer und Mario Annoni unterstützt. Es soll den FC Prishtina wenigstens für 90 Minuten aus seiner politischen und sportlichen Isolation holen. Nicht nur das: Durch die Begegnung von SchweizerInnen und Kosova-AlbanerInnen können im Lachenstadion auch gegenseitige Vorurteile abgebaut werden - der Fussball als völkerverbindendes Element. Wobei damit zu rechnen ist, dass überwiegend kosova-albanische Leute das Stadion bevölkern werden. Die kosova-albanischen Zeitungen in der Schweiz, vor allem "Bota Sot", berichten schon seit Wochen seitenweise über das bevorstehende Ereignis.