Schluss mit Instant-Analysen - her mit Konzepten !

 

HOOLIGANS / In der Debatte über gewalttätige Fussball-Fans fehlt bisher das konstruktive Element.

 

Urs Frieden*

 

Ehrlich gesagt, es beginnt mich zu nerven: Wann immer sich Fussball-Hooligans in der Schweiz oder im Ausland auf ihre Art bemerkbar machen, zeigen sich die Medien am ersten Tag über den plötzlichen Ausbruch brachialer Gewalt überrascht, und am zweiten Tag präsentieren sie uns bereits die Profile derjenigen, die vermutlich dahinterstecken, wobei vor allem Beruf und sozialer Hintergrund zu interessieren scheinen. Wir vernehmen, dass Hooligan James Shayler "Vater von drei Kindern und Besitzer eines ansehnlichen Hauses" ist ("SonntagsZeitung"), ein anderer soll Antiquitätenhändler sein, der ein Buch über Töpferei geschrieben hat, ein dritter sogar Jus studieren.

 

Mal abgesehen davon, dass uns in einem Zeitalter, wo Erzbischöfe kleinen Buben nachstellen, solche Zusammenhänge eigentlich nicht mehr schrecken:

Es ist völlig falsch, die ganze Hooligan-Diskussion bei solchen Instant-Analysen bewenden zu lassen. Die Exponenten und damit die soziale Struktur der Hooligan-Szene wechseln alle paar Jahre. Selbst umfassende empirische Studien, so es sie einmal geben sollte, wären deshalb schon am Tag ihres Erscheinens ziemlich überholt. Wichtiger wäre meiner Meinung nach, die zahlreichen Ansätze von Prävention und Gegenmassnahmen aufzuzeigen und zu diskutieren. Solche Fan-Projekte werden meistens unabhängig vom Soziogramm der ohnehin nicht-ansprechbaren Hardcore-Szene entworfen und richten sich gezielt an dialogbereite Abtrünnige oder Unschlüssige.

 

Auswahl für Unschlüssige

Wenn heute ein unschlüssiger Fan, zum Beispiel ein 15jähriger Neuling, ins Stadion kommt, muss er eine echte Auswahl haben, wem er sich allenfalls anschliessen könnte - sonst ist die Chance recht gross, dass er die auffällig-laute und militante Gruppierung am attraktivsten empfindet. Ein Beispiel aus dem Wankdorfstadion: Für einen Jugendlichen aus der Agglomeration Bern (Ittigen, Ostermundigen) war es bis vor kurzem fast logisch, sich den mit der rechts-radikalen Szene verknüpften "East Side Supporters" anzuschliessen. Seit anderthalb Jahren hat er jetzt - dank einer Neugründung aus derselben Region - die Möglichkeit, den "Capital Fans YB" beizutreten, die sich gemäss eigenem Programm dem Leitspruch "Gemeinsam gegen Rassismus" verpflichten. Diese Auswahlmöglichkeit hat dazu geführt, dass die beiden Fanclubs inzwischen etwa gleich viele Mitglieder aufweisen und damit ein Ausgleich geschaffen wurde. Ein Fussballverein sollte also solche Neugründungen gezielt fördern, zum Beispiel durch Aufrufe in der Stadionzeitung und letztlich durch Anstellung von Fachkräften, die solche Entwicklungen nachhaltig fördern können.

 

Billigrezept Stadionverbot

 

Im Gegensatz zu England oder Deutschland, wo Fanclubs und Fanprojekte vom Staat, aber auch vom nationalen Fussball-Verband und den Vereinen finanziell unterstützt werden, ist die Arbeit mit Fans in der Schweiz stark unterentwickelt. Es fehlt an Konzepten (obwohl man sie zum Teil aus dem Ausland übernehmen könnte), am Willen der Behörden und Vereine - und natürlich auch am Geld. Im übrigen hat sich aufgrund der Vorreiterrolle der Städte Basel und Zürich die Meinung etabliert, dass ein Fanpolizist, der mit Stadionverboten herumschmeisst, die eigentliche Fanarbeit ersetze. Die Sicherheitsexperten, die in der Hooligan-Debatte allzu schwergewichtig zu Wort kamen (zum Beispiel auch im "Zischtigs-Club" auf SF DRS), tun sich schwer mit allem, was nach Interaktion riecht und die polizeilichen Billigrezepte in Frage stellen könnte.

 

Das bekommt auch der Sozialpsychologe David Zimmermann, der früher an Fan-Projekten in Nürnberg beteiligt war und heute auf freiwilliger Basis mit der gewaltbereiten "Hardturmfront" zusammenarbeitet, immer wieder zu spüren. Unlängst musste er sich im "TagesAnzeiger" durch Fanpolizist Adolf Brack der Blauäugigkeit bezichtigen lassen. Grund: Zimmermann liess Ende 1996 vorgängig zum Risiko-Spiel GC gegen Ajax Amsterdam die beiden verfeindeten Hool-Gruppen gegeneinander in einem Fussballspiel statt in der obligaten Schlägerei antreten und möchte jetzt nach dieser guten Erfahrung (es gab praktisch keine Ausschreitungen) weitere "erlebnispädagogische" Projekte lancieren - wie zum Beispiel das gemeinsame Einstudieren einer Kurvenchoreographie nach italienischem Vorbild.

 

Auch der bekannteste Fan-Polizist der Schweiz, der Basler Dieter Schaub, betont nur allzu gerne, dass er eigentliche Fan-Arbeit leiste und im übrigen die FCB-Fans im Griff habe. Dabei wäre in Basel - abgesehen von Schaubs disziplinarischen Massnahmen - zukunftsorientierte Fan-Arbeit am nötigsten, denn der FCB hat in der Schweiz die meisten gewaltbereiten Fans, durchsetzt überdies mit Skinheads, die - wie Fernsehaufnahmen beim Spiel Kriens-Basel bewiesen - nicht mit Hitlergrüssen geizen.

 

Der Tisch ist rund

 

Ich weiss, der Begriff ist abgelutscht. Aber ein "runder Tisch" zum Thema "Hooliganismus in der Schweiz" unter Einbezug aller Beteiligten, nicht zu vergessen die Spieler und die Fans selber, wäre vermutlich nicht die schlechteste Idee, um in dieser zerfahrenen Situation eine Art "unité de doctrine" herzustellen. Ziel müsste letztlich sein, die Fussballstadien wieder für alle zugänglich zu machen, also auch für AusländerInnen, die das Recht haben, nicht angepöbelt zu werden, oder für Eltern, die ihre Kinder mitnehmen wollen. Die Debatte darf jedoch nicht mit der Frage der Stadion-Modernisierung verknüpft werden: Es wäre - siehe die Entwicklung in England - allzu billig, durch Abschaffung der Stehplätze und Anheben der Eintrittspreise das Hooligan-Problem lösen zu wollen.

 

Das Hooligan-Problem ist aber auch nicht über die verstärkte Kommerzialisierung des Fussballsports aus dem Stadion zu schaffen. Dem Wiener Journalisten Michael Fanizadeh ist beizustimmen, wenn er in WoZ Nr. 24/98 schreibt: "Durch die einseitige Zuweisung der Verantwortung an die Fans werden die rassistischen und sexistischen Strukturen und Ideologien des Sports von jeglicher Diskussion ausgenommen. Das Unternehmen Sport kann so geruhsam seine Umstrukturierung fortsetzen, entledigt sich nebenbei der unzivilisierten Störenfriede und kann auch noch die allgemeinen Vorurteile gegen die <ungebildeten> Klassen befriedigen."

 

Die Aussonderung einer spezifischen Fangruppe, so Fanizadeh weiter, sei eine "notwendige Voraussetzung, um die Integration aller ökonomisch bedeutsamen Publikumsschichten in den Sport zu ermöglichen". Im Klartext heisst das: Gewinnoptimierung dank Ausgrenzung der Hooligans. Es müsste aber gerade umgekehrt laufen: Wer Profite aus dem Sportgeschäft erzielt (Investoren, Sponsoren, Sportartikel-Hersteller, Spielervermittler), soll nicht einfach die Hooligan-Szene wegdefinieren, sondern sinnvolle Fan-Arbeit finanziell mittragen.

 

Wen interessiert es da noch, dass Hooligan James Shayler Besitzer eines ansehnlichen Hauses ist?

 

 

*Hauptstadt-Mitarbeiter Urs Frieden ist Fan-Beauftragter des BSC YB und Initiant des im Sportbereich aktiven Vereins "Gemeinsam gegen Rassismus".