Text für WochenZeitung, Herbst 1998

 

Vor 50 Jahren: Schweizer Fussballer brechen FIFA-Blockade

 

"Man spielt wieder mit uns"

 

Deutschlands Fussballer konnten in kriegsbedingter Isolation immer wieder eidgenössische Hilfe erwarten. So auch 1948, als drei Schweizer Mannschaften den internationalen Bannstrahl ignorierten.

 

Max Rüdlinger und Urs Frieden

 

10. Oktober 1948, Stadion Rankhof in Basel. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft spielt gegen die Tschechoslowakei 1:1 unentschieden. Zu reden gibt nach diesem Länderspiel, dass der Matchball viel zu früh aus einem Sportflugzeug auf das Spielfeld geworfen wurde - mitten in das Vorspiel der hingebungsvoll kämpfenden Junioren von Old Boys und Kleinhüningen.

 

Das Freundschaftsspiel Schweiz-Tschechoslowakei wirft ansonsten keine hohen Wellen. Bedeutungsvoller ist, dass an diesem Tag andere Schweizer Fussballer daran sind, den 1945 durch den Fussball-Weltverband FIFA gegenüber Deutschland verfügten Boykott zu brechen. In Stuttgart, München und Karlsruhe freut sich das deutsche Fussballpublikum, zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, auf ausländische Spitzen-Mannschaften: Je eine Städteauswahl aus Zürich, St. Gallen und Basel wollen den Anordnungen der FIFA trotzen und mit drei Freundschaftsspielen dem deutschen Sport kurzzeitig aus seiner Isolation verhelfen.

 

Die Fachzeitung "Sport" schrieb damals: "Zweieinhalb Jahre nach der Waffenruhe ist die FIFA immer noch mehrheitlich der Ansicht, sie vergebe sich etwas, wenn ihre Verbände mit dem ‘schwarzen Schaf’ unter den Völkern wieder allmählich Kontakt suchten. Aber einmal muss ja diese Politik, die sich nicht recht mit der immer wieder hervorgeholten ‘völkerverbindenden Mission’ des Sportes vertragen will, revidiert werden." Der Sportpublizist Walter Lutz, damals einer von insgesamt drei "Sport"-Redaktoren, sieht das heute immer noch so: "Trotz der anti-deutschen Stimmung hierzulande lag es nicht an der Schweiz, die Deutschen zu bestrafen. Wir hatten ja zum Glück die deutsche Besatzung nicht direkt erlebt." Man könne mit einem Nachbarn nicht dauernd im Streit leben.

 

Die FIFA allerdings musste damals auf Länder wie Holland oder Frankreich, die unter deutscher Besatzung gelitten hatten und zur Versöhnung nicht bereit waren, Rücksicht nehmen. Zudem hatten sich die Nazis in zahlreichen Sportverbänden breit gemacht. Eine rasche Versöhnung, auch auf olympischer Ebene, hätte deshalb die Entnazifizierung noch stärker als ohnehin hintertrieben. Auf der anderen Seite stand aber die deutsche Sportöffentlichkeit, die auch unter den Nazis gelitten hatte und nun nach Jahren der Entbehrung Spiel, Spass und internationalen Austausch begehrte. Dass zum Spiel Stuttgart - Zürich 60'000 ZuschauerInnen erwartet wurden, wobei zwei Drittel der Kartenwünsche nicht erfüllt werden konnten, war ein eindrücklicher Beweis dafür.

 

Vor allem hätte eine verlängerte Isolation den "guten Kräften" im deutschen Volk das Wasser abgegraben. Das jedenfalls war die Meinung der amerikanischen Militärregierung. Deren Sportoffizier Aksel G. Nielsen, der früher für Dänemark an olympischen Spielen teilgenommen hatte und im Gegensatz zu vielen Amerikanern etwas von "soccer" verstand, war aktiv daran beteiligt, dass das Nachbarland Schweiz die deutschen Sportler wieder an die internationale Gemeinde heranführte.

 

"Man spielt wieder mit uns"

 

Das Hauptereignis an besagtem 10. Oktober 1948 stellt die Begegnung zwischen den Städtemannschaften aus Stuttgart und Zürich dar. Mit zehn Sonderzügen reisen die deutschen Fussballfans in die zerbombte schwäbische Metropole. Der "Sport"-Korrespondent schreibt: "Für ganz Süddeutschland war dieses Spiel das erste grosse, heiss ersehnte Ereignis seit Kriegsende. Die Zeitungen strotzen von Vorschauen, Bildern , und überall, wo man hinhörte, wurde vom Match gesprochen. Der Ausgang des Treffens schien weniger wichtig zu sein. Hauptsache: Man spielt wieder mit uns." Und schiebt - erschrocken über die Doppeldeutigkeit dieses Satzes - sofort nach: "Aber bitte nicht falsch auslegen!"

 

Auch aus der Schweiz fährt ein Extrazug nach Stuttgart. Für eine Fahrt in der 3. Klasse inklusive Visum und Zwangsdevisen müssen 40 Franken bezahlt werden. Die 2. Klasse kostet 50 Franken, das Eintrittsbillet ins Neckarstadion vier Franken. Für die Anmeldung im Reisebüro muss nebst dem Pass auch ein Leumundszeugnis beigebracht werden.

 

Die Zürcher Mannschaft, gecoacht von Grasshoppers-Trainer Hardy Walter, setzt sich aus Spielern von GC, FCZ und den Young Fellows zusammen. Die zusammengewürfelte Equipe wird auf acht Privatautos aufgeteilt. Unterwegs ordnet Trainer Walter zwecks Lockerung einen kurzen Waldlauf an. Als Reiseleiter amtet Young Fellows-Präsident Gustav Wiederkehr, der in der Folge trotz Missachtung des FIFA-Bannstrahls eine hübsche Funktionärskarriere starten wird: 1954 Wahl zum Präsidenten des Schweizerischen Fussballverbands, 1962 Wahl zum Präsidenten der UEFA, des europäischen Fussball-Dachverbands.

 

Die FIFA sieht die Missachtung ihres eigenen Bannstrahls vorderhand nicht allzu eng. Der in einem kleinen Büro an der Zürcher Bahnhofstrasse residierende FIFA-Generalsekretär Dr. Ivo Schricker, von 1932 bis 1950 im Amt, ist selber Deutscher und pflegt ausgezeichnete Kontakte zu verschiedenen Schweizer Funktionären, so auch zu Ernst B. Thommen, dem "Sport-Toto"-Pionier und Zentralpräsidenten des Schweizerischen Fussballverbands (SFV, damals noch SFAV). Thommen wird 1950 erreichen, dass die FIFA den Deutschen Fussball-Bund (DFB) wieder aufnimmt und die Schweiz sich am 22. November 1950, ebenfalls in Stuttgart, als erster Länderspielgegner der deutschen Nationalmannschaft zur Verfügung stellt (1:0 für Deutschland vor 100'000 Fans). "Von mancher Seite kamen Hilfen im Blick auf eine Wiederaufnahme des DFB in die FIFA. Vornehmlich die Schweizer Freunde, an ihrer Spitze Ernst Thommen, (...), nicht zuletzt Dr. Ivo Schricker im wichtigen Sessel des Generalsekretärs der FIFA, versuchten, die Wege auf das angesprochene Ziel hin zu ebnen," heisst es in einer DFB-Jubiläumschronik.

 

"Deutsche Fahne im Herzen"

 

Schricker und Thommen sind auch massgeblich daran beteiligt, dass die Schweiz - nach einer heiss umstrittenen Ausmarchung - die Weltmeisterschaft 1954 ausrichten darf. Diese WM gewinnt überraschend Deutschland, das sich so definitiv wieder in der Sportwelt zurückmeldet - mit einem denkwürdigen 3:2-Finalsieg gegen Ungarn im Berner Wankdorfstadion. Der lauteste Jubel kommt von DFB-Präsident Peco Bauwens: die Spieler seien - wie einst er selber - "mit der deutschen Fahne im Herzen auf den Gegner losgestürmt". Bauwens war der peinliche Beweis, dass die Entnazifizierung auch in den Sportverbänden nicht wirklich stattgefunden hatte. "Bauwens bezog die taktlose Unbefangenheit für seine kernigen Sprüche nicht zuletzt aus der Tatsache, dass er sich - wegen seiner jüdischen Frau - von den Nazis immer bedroht gefühlt hatte," heisst es in der Biographie des damaligen Bundestrainers Sepp Herberger, verfasst von Jürgen Leinemann.

 

Deutschland und die Schweiz: Schon ihr allererstes Länderspiel bestritten die Deutschen gegen die Schweiz (5:3-Niederlage Deutschlands in Basel im Jahr 1908). Im Juni 1920, nach dem Ersten Weltkrieg, waren die Schweizer - wie später auch nach dem Zweiten Weltkrieg - die ersten, die gegen die deutsche Nationalmannschaft spielten (4:1-Sieg in Zürich). Zum Vergleich: "Fussball-Mutterland" England wartete bis 1930 resp. bis nach der WM 1954, um jeweils nach Kriegsende erstmals wieder gegen Deutschland anzutreten. Kein Wunder, dass die kleine Schweiz im Jahr 2000 an das 100-Jahr-Jubiläumsturnier des DFB, zusammen mit den ganz grossen Fussballnationen, eingeladen werden soll.

 

Ein Körbchen mit Zitronen

 

Zurück nach Stuttgart 1948. Die Zürcher spielen mit dem Chirurgen Thomas Preiss im Tor, vor ihm versuchen der spätere TV-Reporter Roger Quinche sowie Kohler, Haug, Perazza, Bollinger, Schneiter, Zanetti, Siegenthaler, Bosshard und Fink den bekannten Schweizer Riegel aufzuziehen. Vor dem Spiel überreichen die Zürcher den Gastgebern zwei Fussbälle und ein Körbchen mit Zitronen. An den Hintergrund dieser frühgeschichtlichen "Aktion Citro" kann sich Goalie Preiss heute nicht mehr genau erinnern: "Wahrscheinlich waren Zitronen ebenso wie Fussbälle Mangelware im damaligen Deutschland." Auch für Preiss und seine Mitspieler ist das Spiel ein willkommener Ausbruch aus der Isolation: "Wir waren ja während der Kriegsjahre ebenfalls im eigenen Land eingesperrt. Das Spiel in Stuttgart war für uns die erste Auslanderfahrung seit langem." In der Mannschaft sei der FIFA-Boykott kaum thematisiert worden.

 

Im Spiel bliebt die Schweizer Abwehr weitgehend unverriegelt. Der Stuttgarter Nationalstürmer Edmund "Ed" Conen wirbelt trotz einer Kriegsverletzung die Verteidiger bös durcheinander. Die Zürcher Auswahl steht 90 Minuten unter Druck und muss mit einer 6:1-Packung nach Hause fahren. "Die Stuttgarter stellten eine sehr starke Mannschaft, die darauf brannte, sich nach langer Zeit der Verbannung einem grösseren Publikum zu präsentieren," sagt Preiss heute. In Erinnerung geblieben ist ihm vor allem das fünfte Gegentor: ein Schuss zwischen den Beinen hindurch, der ihn beinahe dazu gebracht habe, das Spielfeld vorzeitig zu verlassen. Zu ihrer Ehrenrettung können die Zürcher anführen, dass der weltberühmte Flügelstürmer Fredy Bickel an diesem Tag mit der Nati in Basel gegen die Tschechoslowakei spielen musste.

 

Fast so schlecht wie den Zürchern ergeht es einer St. Galler Auswahl in München. Nach der offiziellen Begrüssung durch Oberst Kelley, den Gouverneur der amerikanischen Militärregierung Bayerns, und einem einseitigen Spiel lautet dort das Schlussresultat 5:1. Dies obwohl die Ostschweizer in Führung gehen können und Torwart Eugster mit Glanzparaden zum Publikumsliebling avanciert. Der langjährigen Freundschaft beider Städte kann das klare Verdikt nichts anhaben: Der historische Tag klingt mit einem Unterhaltungsabend aus, und die Ostschweizer, beschenkt mit Halbmasskrügen, verlassen die Isar-Stadt erst am Montagmorgen.

 

Am besten schneidet die Basler Stadtauswahl ab, die mit FCB-Stürmer Josef "Seppe" Hügi und dessen Bruder Hans in Karlsruhe antritt. Die Einheimischen gewinnen lediglich 1:0, obwohl sie mit einem unorthodoxen Fünf-Mann-Sturm während des ganzen Spiels ein Übergewicht schaffen. Der vor kurzem verstorbene "Seppe-Hügi" schrieb in seinen Memoiren: "Unser Spiel in Karlsruhe ging 1:0 verloren - aber das war unwesentlich: wir hatten damit dokumentiert, dass der Sport über der Politik stehen soll. Noch mehr. Dass gerade der Sport dazu berufen ist, nach unseliger Vergangenheit die völkerverbindenden Brücken in eine friedlichere Zukunft zu schlagen."

 

Busse: 500 Franken

 

Einige FIFA-Herren sind erzürnt. Noch im Februar 1948 haben sie, angeführt von einem belgischen Delegierten, erreicht, dass über einen Schweizer Antrag auf Zulassung der Deutschen gar nicht erst abgestimmt wird - und jetzt das! Der Druck, der nun auf dem Schweizer Fussballverband lastet, muss gross sein: In einem Akt vorauseilenden Gehorsams spricht der SFV gegenüber den schweizerischen Organisatoren der drei Städtespiele eine "solidarische" Busse von 500 Franken aus. Der "Sport", der die Spiele wohlwollend begleitet hat und überdies ausgezeichnete Beziehungen zum deutschen FIFA-Generalsekretär Schricker unterhält, appelliert darauf an alle "Schweizer Sportsleute", diese Busse "gut demokratisch" durch eine Sammlung aufzubringen - "zur Unterstützung des Sportgeistes gegen den Paragraphengeist". Innert einer Woche ist der Betrag dank vieler kleiner Spenden beisammen, und die Kommentare auf den Postcheck-Abschnitten sind deutlich: "Vorher Bücklinge vor Nazi-Deutschland, jetzt Eselstritte und Rückenschüsse für alle, die aus Deutschland eine Demokratie schaffen wollen". Dies ist auch die Meinung des Fussballverbands, der der FIFA nicht nur gehorsamst das Ausfällen der Busse mitteilt (als "Beweis", die Satzungen des Weltverbands zu respektieren), sondern einmal mehr die offizielle Aufhebung der Blockade verlangt: "Der Deutsche muss, soll er geheilt werden, wieder in Kontakt mit der anderen, der demokratischen Welt gebracht werden."